Fach : Deutsch Leistungskurs
Datum : 20. August 1996 - 11. Dezember 1996


Carl Zuckmayer Der Hauptmann von Köpenick Referat


1. Vorwort (Seite 2)

2. Informationen zum Autor

2.1. Werdegang des Autors (Seite 2)

2.2. Interpretationen zur Darstellungsweise von Zuckmayer (Seite 3)

3. Das Theaterstück

3.1. Daten zum Stück (Seite 4)

3.2. Literarische Entwicklung zwischen 1918 und 1945

3.2.1. Begriff (Seite 4)

3.2.2. Historischer und politischer Hintergrund / 1918 - 1945 (Seite 5)

3.2.3. Geistesgeschichtlicher Hintergrund (Seite 5)

3.3. Die Komödie (Seite 5)

4. Inhaltsangabe (Seite 6)

5. Analysen und Interpretationen

5.1. Interpretation des Schauspiels (Seite 8)

5.2. Das Bürgertum und die Uniform in Preußen (Seite 10)

5.3. Charakterbild der Hauptpersonen (Seite 12)

7. Stellungnahmen

7.1. Kritik von Joseph Goebbels (Seite 14)

7.2. Kritik von Alfred Kerr (Seite 14)

7.3. Kritik von Ludwig Marcuse (Seite 14)

7.4. Eigene Stellungnahmen

7.4.1. Autor 1(Seite 14)

7.4.2. Autor 2 (Seite 14)

8. Sonstiges (Seite 15)

9. Quellenangabe (Seite 15)

1. Vorwort

»Ein als Hauptmann verkleideter Mensch führte gestern eine von Tegel kommende Abteilung Soldaten nach dem Köpenicker Rathaus, ließ den Bürgermeister verhaften, beraubte die Gemeindekasse und fuhr in einer Droschke davon.«

So war es zu lesen am 17. Oktober 1906 in den Berliner Zeitungen. Dieser Mensch hieß Wilhelm Voigt. In jungen Jahren war der Schustergeselle aus Not mit dem Gesetz in Konflikt geraten. 15 Jahre Zuchthaus waren die Strafe dafür, daß er die Reichspost um 300 Mark geschädigt hatte. Er geriet in den Teufelskreis der Bürokratie. Ohne ordentliche Abmeldung fand er nirgends Arbeit, ohne Arbeitsnachweis erhielt er keine Anmeldung. Voigt wird wieder straffällig; mit 56 Jahren hat er mehr als 30 Jahre seines Lebens im Zuchthaus verbracht. In diesem Augenblick seines Lebens stößt er auf jene Uniform im Trödlerladen in der Berliner Grenadierstraße, die von nun an sein weiteres Schicksal bestimmen wird. Dieses »Deutsche Märchen« erschien zum erstenmal 1931; es ist heute eines der bekannten Stücke Zuckmayers. Die Verfilmung, mit Heinz Rühmann in der Hauptrolle, ist vielen Zuschauern unvergeßlich. 


2. Informationen zum Autor

2.1. Werdegang des Autors

Carl Zuckmayer wurde am 27. Dezember 1896 in Nackenheim (Rheinhessen) als Sohn eines Fabrikanten geboren. 1900 kam Zuckmayer nach Mainz, wo er das Gymnasium von 1903-1914 besuchte. Mit 18 Jahren (1914-1918) nahm er als Freiwilliger am Weltkreig teil, den er allerdings kurze Zeit später verabscheute. Ab 1918 studierte er in Frankfurt/M. und Heidelberg zunächst Jura und Nationalökonomie, dann jedoch Literatur- und Kunstgeschichte. Außerdem belegte er einige Semester in Philosophie, Soziologie und Biologie. Nach den verschiedenen Studiengängen arbeitete er als Dramaturg in Kiel, wurde aber entlassen und wechselte ans Schauspielhaus München. Von 1924 an arbeitete er zusammen mit Berthold Brecht als Dramaturg an Reinhardts Deutschem Theater in Berlin. Sein erster großer Erfolg "Der fröhliche Weinberg" brachte ihm 1925 den Kleist-Preis ein. Nach seiner Entlassung wegen Erfolglosigkeit bei Reinhardts Deutschem Theater lebte Zuckmayer als freier Schriftsteller zunächst in Salzburg dann in Berlin. 1929 erhielt der Autor den Georg-Büchner-Preis. 1930 schreib er das Drehbuch zu dem Film "Der blaue Engel" nach dem Buch von Heinrich Mann "Professor Unrat".

Sein öffentliches Auftreten gegenüber dem Nationalsozialismus und seine jüdische Abstammung mütterlicherseits führten 1933 zum Aufführungsverbot seiner Stücke. 1933-38 lebte er in Henndorf bei Salzburg, wo er bereits 1926 ein Haus gekauft hatte.

Nach dem »Anschluß« Österreichs entzog er sich der Verhaftung durch die Flucht in die Schweiz. Von dort emigrierte er über Kuba in die USA, wo er als Drehbuchautor und Dozent an Piscators »Dramatic Workshop« in New York arbeitete und 1940-46 als Pächter der Backwoods-Farm in Barnard (Vermont) lebte. Eine Art Reiseführer dieser Flucht erzählt seine Frau Alice in "Die Farm in den grünen Bergen".

1946 kehrte er als Zivilbeauftragter der amerikanischen Regierung für Kulturfragen nach Deutschland zurück, lebte aber seit 1951 nochmals in den USA, erhielt den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt und 1957 den Dr. Phil. h.c. der Universität Bonn.

1958 siedelte er in die Schweiz über und lebte in Saas-Fee (Wallis), erhielt 1960 den großen Österreichischen Staatspreis und 1967 den Orden Pour le mérite für Wissenschaft und Künste.

Zuckmayer starb am 18. Januar 1977 in Saas-Fee.

Zuckmayers Verdienst war es, daß das deutsche Theater nach einer Periode oft kraftloser spätexpressionistischer Dramen, wieder breite Publikumskreise ansprach. Dies gelang ihm, nachdem er selbst mit expressionistischen Dramen ("Der Kreuzweg", 1921; "Pankraz erwacht", 1925) nur Mißerfolg geerntet hatte, sofort mit seinem ersten Lustspiel "Der fröhliche Weinberg", das mit seiner naiven Sinnlichkeit und Derbheit die Erneuerung des Volksstücks anbahnte. Das Erlebnis des Dritten Reiches und der Emigration in die USA 1940 führten ihn zum Ideendrama.

Seine Stücke verdanken ihren Welterfolg jedoch hauptsächlich dem sicheren Gespür des Autors für vitales, atmosphärisch starkes Theater.

Preise und Ehrungen des Autors:

1925 Kleist-Preis für "Der fröhliche Weinberg"

1929 Georg-Büchner-Preis

1951 Goethe-Preis

1957 Dr. Phil. H.c. der Universität Bonn

1967 Orden Pour le mèrite für Wissenschaft und Künste 


2.2. Interpretation zur Darstellungsweise und zum Stil von Zuckmayer

Nach ersten -erfolglosen- expressionistischen Dramen wurde Zuckmayer vor allem durch seine Volksstücke zu einem der erfolgreichsten Bühnenautoren neben den von ihm sehr geschätzten Gerhard Hauptmann. Die meisten seiner Stücke und mehrere Erzählwerke erfreuten sich auch als Filme großer Beliebtheit. Neben gelungenen Milieuschilderungen und lebensnaher Dialogführung mit großer Begabung für Dialektik liegt das vor allem an der Charakterzeichnung seiner Figuren. Zuckmayer liebt die Gestaltung volkstümlicher Helden, nichtfremder Kraftnaturen mit Herz, aus denen sich auch Gesellschaftskritik und antimilitaristisches, humanes Engagement und soziales Verantwortungsgefühl vermitteln lassen. Der Optimismus Zuckmayers Figuren rührt von seinem Vertrauen in die ständige Erneuerung und Unverwüstlichkeit des Lebens her.

Sein Stil läßt sich anhand von seinen folgenden Werken präzisieren:

Das Volksstück "Der fröhliche Weinberg" gestaltet ein Stück Alltagswirklichkeit aus Zuckmayers rheinhessischer Heimat mit der von nun an für ihn typischen Treffsicherheit in Milieu- und Figurenzeichnung. Auch der 1958 verfilmte "Schinderhannes" hat Volksstückcharakter. Zuckmayer verherrlicht den legendär gewordenen Räuberhauptmann Johann Bückler, der zwischen 1796 und 1802 reiche Kaufleute und napoleonische Besatzungstruppen ausraubte, im Volk aber beliebt war, als anarchistische Kraftnatur, die außerhalb der Legalität die Interessen des Volkes vertritt, und artikuliert eine deutliche antibourgeoise Gesellschaftskritik: gegen Händlergeist, Geschäftemacherei, gegen die legale Ausbeutung und Unterdrückung des Volkes, zugleich mit patriotischer Tendenz sowohl gegen die französischer Besatzung als auch gegen den deutschen Obrigkeitsstaat. Ein ausgeprägtes Volksstück ist "Katharina Knie", das während der Inflationszeit spielt. Dieses Werk spiegelt die wirtschaftlichen Schwierigkeiten eines kleinen Zirkus' wieder. Das Artistenkindes Katharina gibt Hof und ihre Liebe auf, um nach dem Tod ihres Vaters den Zirkus weiterzuführen. Auch hier nimmt Katharina die Rolle der Volksheldin ein. "Des Teufels General", 1942 entstanden, 1955 verfilmt, versucht, das Problem des Widerstands im Krieg in Form einer individuellen Tragödie zu gestalten. Die Gestalt das draufgängerischen Fliegers Harras gerät zum volkstümlichen Helden. Das Stück wurde in der Nachkriegszeit heftig diskutiert. Bewundernswert bleibt die präzise Darstellung des Milieus und der Stimmung und Mentalität der Personen durch den von Berlin weit entfernten im Exil lebenden Autor. Ebenfalls von Widerstand und Verrat handelt "Der Gesang im Feuerofen". Das Schicksal französischer Widerstandskämpfer, die sich zur Weihnachtsfeier treffen, an die Deutschen verraten werden und in dem von der SS in Brand gesteckten Schloß singend umkommen, wird symbolisch überhöht. "Das kalte Licht" behandelt am Beispiel eines Atomspionagefalls die Stellung des Wissenschaftlers zwischen zweckfreier Forschung und den politischen Konsequenzen seiner Forschung und gestaltet die persönliche Problematik des Forschers, der sich für die Folgen seiner Erkenntnisse verantwortlich fühlt.

Als Prosaist steht Zuckmayer in der Tradition des realistischen Erzählens. Auch in seinen meist gut gebauten (im Plot mitunter überkonstruiert wirkenden) Geschichten und Romanen liebt er volkstümliche Helden, lebenspralle, stimmungsvolle Szenen, aufregende Begebenheiten, charakteristische und spannende Konstellationen, Liebe und Lebenslust.

Seine Autobiographie "Als wär's ein Stück von mir" berichtet von den großen Begegnungen und Stationen seines Lebens, seinen Freundschaften mit Schriftstellern und Theaterleuten wie Hauptmann, Brecht, Frisch, den kulturellen Ereignissen und politischen Erfahrungen eines halben Jahrhunderts, mit »aller Unversöhnlichkeit« gegen die »Peiniger und Henker« des Volkes. 


3. Das Theaterstück

3.1. Daten zum Stück

Das Theaterstück "Der Hauptmann von Köpenick" ist ein »deutsches Märchen« mit authentischen Hintergrund. Es beruht auf einer Berliner Zeitungsmeldung.

Die tatsächlichen Begebenheiten gaben Zuckmayer nur den Anlaß zu dem Stück; Stoff und Gestalten sind größtenteils erfunden.

Das Buch wurde 1931 geschrieben und wurde in voller Länge am 05. März 1931 in Berlin am Deutschem Theater uraufgeführt.

Die drei Verfilmungen entstanden 1926, 1931 und 1956 unter den Regisseuren S. Dessauer, R. Oswald und H. Käutner.

Der erste Akt spielt um 1900, der zweite und dritte Akt zehn Jahre später.

Die drei Akte sind jeweils in 7 Szenen unterteilt.

Die Dialoge sind im Berlinerischen gehalten und werden nur selten durch hochdeutsche Sätze unterbrochen.

Folgende Personen werden dargestellt:

Wilhelm Voigt, Schuster

Friedrich Hoprecht

Frau Maria Hoprecht, Schwester von Wilhelm Voigt

Bürgermeister Obermüller

Frau Mathilde Obermüller

Adolf Wormser, Uniformschneider

Zuschneider Wabschke

Hauptmann von Schlettow

diverse Zeitgenossen aller Art

"In vielen Ländern lacht man über diese köstliche Tragikomödie. Als aber zwei Jahre nach der Uraufführung die Träger der braunen Uniformen zu erkennen gaben, daß sie durchaus keinen Spaß verstanden, mußte selbst der Herr Zuckmayer außer Landes."

(Zuckmayer über "Der Hauptmann von Köpenick", 1955) 


3.2. Literarische Entwicklung zwischen 1918 und 1945

3.2.1. Begriff

Es gibt unterschiedliche Benennungen der literarischen Zeit zwischen 1918 und 1945. Es ist unter anderem die Rede von der "neuen Sachlichkeit". Mit diese Charakterisierung ist die umstrittene Kennzeichnung einer wirklichkeitsorientierten Richtung gegen den verblassenden Expressionismus gemeint.

Seit 1920 hat sich die Umschreibung der Zeit mit "expressiver Naturalismus" durchgesetzt. Hiermit ist die intensiv-subjektive Gestaltung in wiedergewonnener Objektivität gemeint. 



3.2.2. Historischer und politischer Hintergrund / 1918 - 1945

In knapp einer Generation werden schwerwiegende Erschütterungen der politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse so wie der Weltanschauung erlebt: zwei Weltkriege und der Zusammenbruch mehrerer Systeme - des Kaiserreiches 1918, der "ungeliebten" Weimarer Republik 1933 und der totalitären nationalsozialistischer Diktatur 1945. Inflation und Weltwirtschaftskrise ( 6 Mio. Arbeitslose) bereiten im Kleinbürgertum, das die Proletarisierung fürchtet, den Boden für den Führerstaat. Der Kampf zwischen linken (Rotfrontkämpferbund) und rechten (SA) Extremen führt zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen und einer Verachtung des "versagenden" Parteienstaates. Propaganda für eine Revision des "Schandfriedens" von Versailles findet große Resonanz.

Nach 1933 emigrierten viele wegen der antihumanen Politik und der rassistischen Verfolgung aus Deutschland.

Bei den Bücherverbrennungen am 10.05.1933 wurden Bücher von Bertolt Brecht, Heinrich und Thomas Mann, Arthur Schnitzler, Erich Maria Remarque Arnold, Arnold und Stefan Zweig, Carl Zuckmayer u.a. verbrannt.

Die Schuld am Zweiten Weltkrieg, die Mitverantwortung der Mitwissenden für das Unrecht, das Versagen einer idealistischen Kultur angesichts von Brutalität und Perfektion des Verbrechens werden zentrale Themen der Literatur; ihre Aufarbeitung ist ein Versuch, nach dem Krieg und Zusammenbruch geistig zu überleben.

Zeittafel:

09.11.1918 Ausrufung der Republik 
1919 Frieden von Versailles 
1923 Höhepunkt der Inflation 
1929 Beginn der Weltwirtschaftskrise 
1931 Erstaufführung "Hauptmann von Köpenick" 
1933 Machtergreifung Hitlers 
1935 Nürnberger Gesetze gegen die Juden 

3.2.3. Geistesgeschichtlicher Hintergrund

In dieser Periode (um 1930) stellten sich die Philosophen die Frage nach dem Sinn des Seins. Mit Philosophen waren vorherrschend Martin Heidegger (1889-1976) und Karl Jaspers (1883-1969) gemeint, die in ihren Existenzphilosophien Antworten auf die oben gestellte Frage suchten. Aus den Existenzphilosophien kann man den Schluß ziehen, daß der Mensch sich selbst und dem Sein fremd ist. Aus diesen Schriften entstand die "Angstphilosophie", die die Antworten der Philosophen Heidegger und Jaspers sehr ernst nahmen. Die Angstphilosophie war geprägt von Søren Kierkegaards (1813-1855). 


3.3. Die Komödie

Eine Komödie ist folgendermaßen definiert:

"Als dramatische Ausdrucksform des Komischen gestaltet die Komödie einen Konflikt oder Scheinkonflikt, der meist auf komischen Charakteren oder Situationen beruht, und führt in entweder ad absurdum oder löst ihn im befreienden Lachen über die Unzulänglichkeiten und Schwächen des Menschen [...]."

Mit den Unzulänglichkeiten und Schwächen ist im "Hauptmann von Köpenick" nicht Wilhelm Voigt gemeint, sondern der Staat, der mit seiner Starrheit jeden zum lachen bringt, weil die nötigen Reformen ausbleiben. Der Staat ist also der wahre Komiker in dieser Literatur. 


4. Inhaltsangabe

Adolf Wormser ist Inhaber eines Berliner Uniformgeschäftes und Königlich-Preußischer Heereslieferant in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg. Hauptmann von Schlettow, ein schneidiger, forscher Gardeoffizier läßt sich in seinem Laden gerade von dem kleinen, buckligen Zuschneider Wabschke einen neuangefertigten Uniformrock anpassen. Die "Gesäßknöppe" sitzen nicht ganz so exakt, wie es das preußische Exerzierreglement verlangt, und dem eifrig auf den Hauptmann einredenden Wormser gelingt es nicht, ihn zu bewegen, die Uniform dennoch zu nehmen, wie sie ist. "Sie denken, das is ne Kleinigkeit", sagt Schlettow, "Is auch ne Kleinigkeit. Aber an den Kleinigkeiten, daran erkennt man den Soldaten. Darauf is alles aufgebaut, da steckt`n tieferer Sinn drin, verstehense?" Also muß Wabschke sich an die Änderungen machen.

Während dieses Gespräches hat Wilhelm Voigt, eine schmächtige Gestalt, mager und etwas gebückt und in einem alten, aber nicht zerlumpten dunklen Anzug, zweimal zur Tür hereingeschaut. Er ist auf der Arbeitsuche, wird jedoch, ohne daß man ihm eine Frage gestattet, als einer der "Kerle, so frech wie die Schmeißfliegen" vor die Tür gewiesen. Er taucht in einem Potsdamer Polizeibüro wieder auf, wo er um einen Paß oder Aufenthaltsgenehmigung bittet. Sie wird ihm, einem eben entlassenen Strafgefangenen, verweigert. Seine Tat bestand darin, daß er als "junger Dachs" die Reichspost um dreihundert Mark geschädigt hat. Dafür mußte er fünfzehn Jahre in der "Platze" absitzen. Nun wird ihm klargemacht, daß er eine Aufenthaltsgenehmigung erst dann bekommt, wenn er ein Arbeitsverhältnis nachweisen kann. Ein Arbeitsverhältnis kann er wiederum erst erhalten, wenn er eine Aufenthaltsgenehmigung hat. So steckt er in einem Teufelskreis. "Det is wie wennse ne Laus uff ne Glasscheibe setzen. Da kannse nu krabbeln und krabbeln un rutscht ejal immer wieder runter." sagt er, und als er sich deswegen beschweren will, wird er sehr deutlich rausgewiesen.

Im Café National trifft er sich am nächsten Tag mit Kalle, seinem Kollegen und Pennbruder. Kalle ist dafür

"n Ding zu drehn", und das Ding soll ihm ein Stück weiter helfen. Wilhelm Voigt jedoch will sich nach legaler Arbeit umsehen. Während sie jedoch noch darüber unterhalten, taucht Hauptmann Schlettow mit Dr. Jellinek im Café auf. Die beiden haben im Nebenzimmer eine Partie Billard gespielt und wollen sich nun stärken. Schlettow ist allerdings in Zivil; denn das Lokal gehört zu der zweifelhafteren Sorte seiner Art und ist deswegen für Militär verboten. Daß es Schlettow fertig gebracht hat, sein preußisch-militärisches Gewissen zu überreden, dennoch dieses Lokal zu betreten, ist erstaunlich. Er fühlt sich aber auch entsprechend unwohl, besonders als es zwischen einem betrunkenen Gardegrenadier, der auf der Bühne erscheint, und Kalle wegen eines in der Kneipe herumlungernden Frauenzimmers, der Plörösenmieze, zum Streit kommt. Die Auseinandersetzung nimmt heftigere Formen an, und nun kann sich Schlettow, Hauptmann im ersten Garderegiment, nicht mehr halten. Er springt auf und versucht, den Soldaten mit militärischen Kommandoworten zur Vernunft zu bringen. Das gelingt ihm aber nicht: denn ohne Uniform ist er nur "n ganz deemlicher Zivilist". Die nun entstehende Schlägerei zwischen Schlettow und dem Grenadier trennt ein Polizist, der beide abführt. Voigt zieht das Resümee aus dem Vorfall, indem er sagt: "Wat hab ick immer jesagt? Wie der Mensch aussieht, so wird er anjesehn."

Die Resignation dieses Ausspruchs bestätigt sich auch angesichts der weiteren Ereignisse. Voigt sucht Arbeit in der Schuhfabrik "Axolotl". Aber der Prokurist der Firma nimmt nur Leute, die auch gedient haben. Voigt kann lediglich nachweisen, daß er als Spezialist in Maschinenarbeit ausgebildet ist. Der Prokurist tarnt sich damit, daß Voigt keine Aufenthaltserlaubnis hat, und es nützt Voigt gar nichts, daß er auch diese Situation treffend charakterisiert, indem er sagt: "Ick hab jedacht, hier wär ne Fabrik. Ick hab nich jewußt, daß det hier ne Kaserne is".

Inzwischen muß Schlettow aufgrund der Schlägerei den Dienst quittieren. Es geht ihm sehr zu Herzen, und auch die menschlichen, behutsamen Worte, die Wabschke als Trost versucht, während er ihm die nun geänderte Uniform bringt, helfen ihm nicht darüber hinweg, daß er den Abschied einreichen mußte. Die Uniform wandert wieder zurück in Wormsers Laden und wartet dort auf ihre weitere Bestimmung.

Wilhelm Voigt hat andere, im Grunde größere Sorgen als Schlettow. Er steckt in seiner Teufelsmühle und kommt nicht mehr heraus. Er muß einfach einen Paß haben, und so überredet er abends beim Einschlafen in einer Tippelbruderherberge, in der er Unterschlupf gefunden hat, seinen Kollegen Kalle zu einem Einbruch ins Potsdamer Polizeirevier. Kalle darf die Kasse mitgehen lassen, während sich Voigt einen Paß ausschreiben und sein Vorleben aus den Akten streichen will.

Aber der Anschlag mißlingt. Wormser liest am nächsten Tag in der Zeitung, daß die beiden geschnappt worden sind. Während er noch seine Bemerkungen über diese und andere Zeitungsmeldungen macht, betritt Obermüller, Bürgermeister Dr. Obermüller aus Köpenick, den Laden. Er ist gerade zum Leutnant befördert worden und verlangt nun stolz eine Offiziersuniform. Wormser nimmt die Gelegenheit wahr, die alte Uniform Schlettows, mit einigen Änderungen natürlich, an den Mann zu bringen.

Die Geschichte macht jetzt einen zehnjährigen Zeitsprung.

Voigt hat sie in der preußischen Strafanstalt Sonnenburg verbracht. Am Tag vor seiner Entlassung haben sich die Strafgefangenen zur Feier des Sedantages in der Kapelle des Hauses versammelt. Der Direktor begeht mit ihnen das Fest auf seine Weise, indem er eine vaterländische Ansprache hält und anschließend die Schlacht in militärischer Weise nachspielen läßt. Voigt beweist dabei, daß er sich in der Strafanstalt umfassende Kenntnisse auf dem Gebiet des preußischen Militärwesens erworben hat, was ihm die folgende Bemerkung des Direktors einbringt: "Voigt! Sie sind der geborene Soldat, trotz ihrer O-Beine." Womit ihm eine der damals in Preußen schönsten und ehrenvollsten Belobigungen zuteil wird.

Aber geholfen ist ihm damit auch nicht. Er sieht sich nach seiner Entlassung wieder zwischen den Mühlsteinen Arbeit und Aufenthaltserlaubnis und weiß keinen Ausweg. Einen Paß zur Auswanderung kann er auch nicht bekommen. Zunächst findet er bei seiner Schwester und ihrem Mann, den Hoprechts, Aufnahme. Die beiden sind einfache, gute Menschen, die Wilhelm helfen wollen. Aber gegen die Übermacht der Behörde und der preußischen Gesetze kann und will der Schwager, weil er Beamter ist, nichts ausrichten.

Nun blendet die Handlung um in die Wohnung des Bürgermeisters und jetzigen Hauptmanns Dr. Obermüller. Hier herrscht helle Aufregung. Es ist halb vier, und der Herr Hauptmann muß um Punkt vier Uhr im Kaisermanöver sein. Dazu fehlt ihm aber noch seine neue Uniform, die er bei Wormser bestellt hat und die bis spätestens Mitternacht geliefert werden sollte. Jetzt ist sie immer noch nicht da! Frau Obermüller, in Nachthemd und Nachtjacke, telefoniert verzweifelt, ohne Antwort zu bekommen, und befiehlt schließlich dem Dienstmädchen, die alte Uniform zu holen, eben jene, die der Herr Bürgermeister vor zehn Jahren bei Wormser gekauft hat. Er schlüpft in die Jacke, seine Frau versucht, sie zu schließen, da reißt etwas, und sie hält einen Knopf mit einem Stoffetzen in der Hand. Die Verzweiflung hat jetzt ihren Siedepunkt erreicht und droht, sich zum ehelichen Krach auszuweiten, als es plötzlich schellt und Wabschke mit der neuen Uniform erscheint. "De letzte Minute is immer de beste Minute." erklärt er, und Obermüller kann beglückt ins Manöver fahren. Wabschke darf die alte Uniform "als Anzahlung" mitnehmen, meint aber, daß sie bestenfalls noch für einen Maskenball taugt.

Wilhelm Voigt ruht einige Tage bei seiner Schwester aus und lernt das normale Leben außerhalb der Gefängnismauern kennen. Die Hoprechts haben ein lungenkrankes Mädchen zur Untermiete, mit der es deutlich zu Ende geht. Als ihr Voigt eines Abends aus Grimms Märchen vorliest, bringt ihm der Postbote ein amtliches Schreiben - seine Ausweisung. Wenige Tage später stirbt das kranke Mädchen. Nach ihrem Begräbnis deckt Voigt in einem Gespräch mit seinem Schwager die ganze Leere und Banalität des preußisch-deutschen Staats- und Militärsystems auf, dem Hoprecht dient und das er in diesem Gespräch nur schwach verteidigen kann. Voigt läßt auch durchblicken, daß er einen ganz bestimmten Plan hat, und verabschiedet sich bei den Hoprechts. Die Hoprechts bleiben erschrocken und verwirrt zurück.

In der Ausführung seines Planes treffen wir Wilhelm Voigt in einem jüdischen Trödlerladen wieder, wo er die alte Hauptmannsuniform von von Schlettow und Obermüller kauft. Sie wurde auf einem Ball von Auguste Viktoria, Wormsers Tochter, getragen und bei dieser Gelegenheit, vollends ruiniert. In einem WC im Schlesischen Bahnhof kleidet er sich um und hat auch gleich Gelegenheit, ihre Wirkung an einem verdutzten Dienstmann auszuprobieren. Sie ist durchschlagend !!!

Hier beginnt die Geschichte des Hauptmanns von Köpenick.

Das zeigt sich auch in der folgenden Szene im Köpenicker Rathaus. Hier erscheint Voigt mit einem Trupp ostpreußischer Grenadiere, deren Kommando er unterwegs übernommen hat, und verhaftet kurzerhand den Bürgermeister Obermüller und seinen Stadtkämmerer Rosencrantz. Dem Polizeiinspektor von Köpenick gibt er den Befehl, die beiden Gefangenen auf die Neue Wache in Berlin zu bringen. Frau Obermüller darf ihren Mann begleiten. Beiläufig fragt Voigt nach der Paßstelle, muß aber zu seiner Enttäuschung feststellen, daß diese auf dem Kreisamt in Teltow zu finden ist. Also entläßt er die Soldaten, steckt noch die Kasse ein und zieht unverrichteter Dinge aus dem Rathaus ab.

Im Vernehmungszimmer des Berliner Polizeipräsidiums herrscht große Aufregung. Seit Tagen sucht man den falschen Hauptmann, ohne den geringsten Anhaltspunkt zu haben. Da erscheint plötzlich der Paßkommissar und erklärt, er habe den Hauptmann von Köpenick. Er bringt Wilhelm Voigt, der sich gegen das Versprechen, später einen Paß zu bekommen, selbst gestellt und auch das Versteck der Uniform, die gleich geholt wird, angegeben hat. Das hat niemand in der Kriminalabteilung erwartet. Voigt wird bewirtet und so gut behandelt wie noch nie in seinem Leben auf einer Behörde. Er erzählt seine Geschichte, liefert das Geld bis auf einen kleinen als Geschäftsunkosten ausgebuchten Betrag ab und erklärt, daß er nun endlich nach Verbüßung einer Strafe, versteht sich, seinen Paß bekommt. "Versprochen is er. Det is nu ne öffentliche Anjelegenheit." Die Uniform trifft auch ein. Wilhelm Voigt zieht sie sich auf Verlangen über und betrachtet sich im Spiegel. Wie er sich sieht- die Uniform schlottert ihm um den Leib - befreit sich aus ihm ein zunächst leises, dann immer lauter werdendes, wahrhaft humoriges Lachen, das sich schließlich in dem einem Wort "unmöglich" entlädt. Es ist das Gelächter eines Menschen, der ein seelenloses System mit dessen eigenen Mitteln geschlagen hat! 


5. Analysen und Interpretationen

5.1. Interpretation des Schauspiels

Die Sprache

Sicher gibt es nur wenige literarische Werke, an denen sich so deutlich ablesen läßt, daß "Kunst" von "Können" abgeleitet werden sollte, wie an dem Werk Carl Zuckmayers. Seine Gestalten leben in ihrer eigenen Sprache, die Zuckmayer meisterlich beherrscht. Das Erfassen einer bedrohlichen Situation und ihre Überwindung durch eine lebendige, ganz einfache und an der gesellschaftlichen Realität orientierten Logik - in welchem Dialekt könnte das besser wiedergegeben werden als in der Sprache des Berliners!? Überspitzt könnte man sogar sagen, daß Gestalten wie Voigt oder Wabschke nicht ihre Sprache sprechen; sie sind ihre Sprache. Aber dieses Berlinerische eignet sich nicht nur zur Darstellung des Menschlichen. Mit hochdeutschem Einschlag benutzen es etwa Wormser und Schlettow, gewissermaßen apparatenhaft, und dokumentieren dadurch ihr bloßes Funktionieren im Sinne geschichtlich bedingter Deutschheit.

Die Quellen Zuckmayers

Zuckmayer gestaltet das gesamte Werk aus recht knappen Vorlagen, Zeitungsartikeln, den Gerichtsakten und wohl aus den Memoiren Wilhelm Voigts. Diese Quellen sind dürftig genug und eignen sich allenfalls als Grundlage für einen Schwank. Aber was hat Zuckmayer in seinem "deutschen Märchen" daraus gemacht?

Die Darstellung

Zunächst hatte er den guten Einfall, einen kleinen, aber wichtigen Teil des Lebens seines Helden darzustellen. Parallel dazu läßt er die Geschichte der Uniform laufen. So öffnen sich auf der Bühne zwei Lebensformen; die eine ist gewissermaßen das Innere des Stückes, das Leben Wilhelm Voigts, die andere, das Äußere, ist die Umwelt, die ihn herumschubst und ihm nicht das Stückchen Erde gewähren will, das der Mensch nun einmal braucht, um dasein zu können. Zum ersten großen Zusammenstoß zwischen beiden kommt es im Potsdamer Polizeibüro. Hier sieht sich Voigt, der kleine Mensch, einem übermächtigen Apparat gegenüber, der ihn nicht zur Ruhe kommen läßt, sondern ihn Kraft seiner Vorschriften zwischen Arbeitsnachweis und Aufenthaltsgenehmigung hin- und herstößt. Das ist aber zutiefst unmenschlich, was Voigt auch formuliert, wenn er sagt: "Aber't muß ja nun Platz geben, wo der Mensch hinjehört! Wenn ick keene Meldung kriege und nich hier bleiben darf, denn will'ck wenigstens n Paß haben, det ick raus kann! Ick kann ja nu mit de Füße nich in de Luft baumeln, det kann ja nur n Erhängter!" Der Oberwachtmeister handelt auf diesen Notschrei ganz mechanisch-apparatenhaft, fast wie ein Roboter: Er verfährt entsprechend den Bestimmungen, und alle, an die sich Voigt nun wendet, handeln nach irgendwelchen Bestimmungen, seien es nun geschriebene oder seien es ungeschriebene, konventionelle. Alle handeln irgendwie nach dem Gesetz der Konvention, die in dem historischen Augenblick, in dem das Stück spielt, "Uniform" heißt und "Militär" und "Habense jedient?" usw.. Wie sehr der Apparat bloß läuft, zeigen die Gestalten wie von Schlettow oder Obermüller, die in aller ihrer Komik im Buch fast wie Marionetten wirken, die irgend jemand mit Hilfe von langen Drähten dirigiert. Ihre Ansichten sind aufeinander abgestimmt. Sie unterscheiden sich durch nichts von der allgemeinen, offiziellen Ansicht. Sogar die Hoprechts, so sympathisch sie sonst auch sein mögen, gehören im Grunde hierher.

Ihnen allen gegenüber steht ganz allein Voigt, der als der Ausgestoßene in diesem Stück das rein Menschliche verkörpert. Nur eine einzige Gestalt unter den Hauptpersonen des Schauspiels steht wirklich noch auf seiner Ebene: Das kranke Mädchen. Auch sie ist ausgestoßen, weil sie ganz arm und krank ist. Sie darf bei Hoprechts in der letzten Spanne ihres Lebens, die ihr noch bleibt, das Gnadenbrot essen. Aber sie gehört nicht zu ihnen (Hoprechts), sondern zu Voigt, was sich in der einfachen und selbstverständlichen Art zeigt, in der sich beide verstehen. Aber das Mädchen stirbt, und wieder ist Voigt ganz alleine. Kalle ist kein Partner für ihn; denn er, zwar auch ein Ausgestoßener, sucht kein menschenwürdiges Leben, sondern die Unordnung, das Chaos, und steht damit noch weiter entfernt von Voigt als all die braven Bürger um ihn herum. So sehr die Einsamkeit Voigts auf ein tragisches Moment im Schauspiel verweist, so wenig bedingt sie die eigentliche Tragik. Um wirklich unter seiner Einsamkeit zu leiden, ist Voigt viel zu sensibel und viel zu unkompliziert, trotz der Gefühlswärme, die er z.B. am Bett des kranken Mädchens aufbringt. Er ist innerlich so robust, das Voigt in verzweifelter Lage ganz ruhig sagt: "Komm mit, etwas Besseres als den Tod werden wir überall finden!" Und die Lage ist zum verzweifeln. Ihre wirklich tragische Möglichkeit liegt darin, daß Voigt an einer Schuld trägt, die ihm die wilhelminische Gesellschaft nie verzeiht, auch dann nicht, als sie längst abgebüßt und reif, vergessen zu werden, ist. In der Szene im Potsdamer Polizeirevier, eine der zentralen Szenen des Stückes, hört sich das so an:

Voigt: Meinetwegen. Et is ja nu lange vorbei.

Oberwachtmeister: So was ist nie vorbei, merkense sich das. Was in Ihren Personalakten steht, das ist Ihnen so fest gewachsen wie die Nase im Gesicht. Wer einmal auf die schiefe Bahn gerät -

Voigt: Stimmt.

Oberwachtmeister: Wieso "stimmt"? Was stimmt?

Voigt: Das mit de schiefe Bahn. Da hamse janz recht. Det is wie wennse ne Laus uff ne Glasscheibe setzen. Da kannse nu krabbeln und krabbeln un rutscht ejal immer wieder runter."

"Ejal immer wieder runter" - diese Worte enthalten den ganzen Jammer des Menschen, der der vernichtenden tragischen Situation ausgeliefert ist. Freilich ist es nicht so schlimm, wie es sich anhört; denn die Übermacht, der sich der Mensch Wilhelm Voigt gegenüber sieht, ist keine übersinnliche, göttliche Gewalt, sondern ein recht stumpfsinniger übergroßer Machtapparat, dessen Hebel vom kleinen Bürger bedient werden. So entsteht die sich immer wiederholende Situation des Knaben David vor dem stumpfen Riesen Goliath.

Was tut Voigt in dieser Lage? Zunächst hält er Inne - Zeit und Gelegenheit dazu gibt ihm sein Gefängnisaufenthalt in reichem Maße. Das Ergebnis dieses Gerichtes über sich selbst verkündet er in Hoprechts Wohnstube, und es wird ganz still, wenn er davon redet, daß "de innere Stimme" zu ihm gesprochen hat:

"Mensch, haste jesagt - einmal kneift jeder n Arsch zu, auch du , haste jesagt. Und denn, denn stehste vor Gott dem Vater, stehste, der allens jeweckt hat, vor dem stehste denn, und der fragt dir ins Gesicht: Wilhelm Voigt, wat haste jemacht mit dein Leben! Und da muß ick sagen - Fußmatte, muß ick sagen - Die hab ick jeflochten im Jefängnis, und denn sind se alle druff rumjetrampelt, muß ich sagen. Und zum Schluß haste jewüchert, und det bißken Luft, und denn wars aus. Det sagste vor Gott, Mensch. Aber der sagt zu dir: Je wech! Sagt er! Ausweisung! Sagt er! Dafür hab ick dir det Leben nich jeschenkt, sagt er! Det biste mir schuldig! Wo is et? Wat haste mit jemacht?! Und denn. Friedrich - und denn is et wieder nischt mit de Aufenthaltserlaubnis."

Nach dieser Bestandsaufnahme, die ihm die Lage des Menschen - seine Lage - offenbart, tritt er dem Goliath entgegen. Er braucht dazu seinen ganzen Menschenwitz, und er könnte sich rühmen, mit einer gehörigen Portion davon gesegnet zu sein. Aber er tut es nicht. Seine Begabung ist urtümlich und ungebrochen natürlich (was er übrigens mit vielen der unter 2.2. genannten Gestalten des Autors teilt). Seine Aufnahmebegier ist die gewissermaßen instinktive Abwehrreaktion des kleinen Mannes, der sich von den Waffen der Großen soviel wie möglich aneignet (...man kann ja nie wissen). Das ist der Grund dafür, daß er sagen kann, als die Rede aufs Militär kommt: "Ick hab mir immer interessiert für". Denn, so sagt er später: "Det weiß doch n Kind, daß man bei uns mitn Militär alles machen kann. Det hab ick immer jewußt." Dahinter steckt die Erkenntnis: "Wie der Mensch aussieht, so wird er angesehn."

Und so gelingt es dem kleinen Schuster, den stumpfsinnigen Apparat mitsamt seinen Funktionären zu überlisten und mit dessen eigenen Waffen zu schlagen. Sein Sieg ist darin vollständig, daß der Inbegriff der ganzen Staatsmaschine, Seine Majestät, selbst die Niederlage des Apparates formuliert, natürlich ohne zu merken, was er da sagt:

"Der Kaiser is gar nich so scharf auf die Sache. Im Gegenteil! Habense den Geheimbericht nich gelesen? Gelacht hat er, wie mans ihm vorgetragen hat, und stolz war er noch drauf! Mein lieber Jago, hat zum Präsidenten gesagt, da kann man sehen, was Disziplin heißt! Kein Volk der Erde macht uns das nach! - Da habenses." Seinen höchsten Triumph und zugleich die letzte Befreiung erlebt Voigt in seinem großen Gelächter am Schluß. Hier wird der Sieg des ursprünglich-menschlichen über das Seelenlose endgültig, und damit zeigt sich, daß das Schauspiel eine Komödie schlechthin ist: Seine tragische Grundspannung wird ins Komische aufgelöst, und der Mensch erlebt im Gelächter seine Erlösung. Er allein ist wertvoll, und nur seinetwegen sind die Dinge so - und nicht umgekehrt. So muß das Wort aus dem "Rumpelstilzchen" der Brüder Grimm verstanden werden, das Zuckmayer dem Stück voranstellt:

"Nein", sagte der Zwerg, "laßt uns vom Menschen reden! Etwas Lebendiges ist mir lieber als alle Schätze der Welt!" 


5.2. Das Bürgertum und die Uniform in Preußen

Ohne Zweifel spielte das Militär im Kaiserreich eine weit überzogene Rolle. Dieses Reich, das mehr preußisch als deutsch war, schuf den deutschen Militarismus als eine Art überspannten preußischen Militarismus in Verbindung mit der Herrschaft einer Kaste, dem preußischen Junkertum, und das in einer Zeit, als die politische und ökonomische Grundlage gerade dieses Junkertums durch die Entwicklung ganz anderer Kräfte von Grund auf in Frage gestellt wurde.

"Militarismus" im Sinne des Historikers Gerhard Ritter als "Übersteigerung und Überschätzung des Soldatentums" definiert, ist keineswegs ein rein deutsches Phänomen, bei Licht betrachtet noch nicht einmal ein preußisches, wie es immer dargestellt wurde. Das alte Preußen war durchaus nicht so militärfromm, wie es im zweiten Kaiserreich gefeiert wurde. Gewiß spielte die Armee in der Zeit Friedrichs Wilhelms I., des "Soldatenkönigs", und unter Friedrich II. eine wichtige Rolle, gewiß war sie damals im Vergleich zur Größe und Bevölkerung Preußens eine der größten in Europa, und gewiß hat sie das Leben der Menschen in Preußen tief beeinflußt. Aber sie war alles andere als ein Vorbild für das Bürgertum, das sich nach dem Dreißigjährigen Krieg unter dem Schild des absolutistischen Staates und eben dieser Armee neu besonnen hatte. Es sah in ihr eher einer Art lästige Notwendigkeit, die ertragen werden mußte, und das blieb so, trotz oder vielleicht wegen der Siege und Niederlagen Friedrich II., bis in die Zeit der sogenannten Befreiungskriege gegen Napoleon.

Erst die Glorifizierung der Siege über Napoleon und der Einigungskriege unter Bismarck brachte die Wende. Das nun endlich, wie man glaubte, erkämpfte Reich, die deutsche Einigung, bewirkte in Verbindung mit der wieder auflebenden Spätromantik einen neuen, bis ins Mittelalter rückwärts gewandten Patriotismus preußisch deutscher Art, der tief im Bürgertum wurzelte. Die preußische Offizierskaste erlebte, daß ihr Standesgeist, ihre Spielregeln zu maßgebenden Prinzipien in der inneren Führung des neuen Staates wurden. Adelig, satisfaktionsfähig und Offizier sein, das galt - und war in Verbindung mit Reichtum eigentlich alles. Der Reichtum freilich hatte vorwiegend andere Wurzeln, nämlich die trotz einiger Rückschläge gewaltig aufblühende Industrie. Diese aber war zum größten Teil in der Hand des Großbürgertums, das nun nichts so sehr wünschte wie die Erhöhung seines Glanzes durch den Schimmer der Uniform. Das diejenigen, ohne deren entsagungsreiches Dasein die hektische Entwicklung undenkbar war, die Bauern, Kleinbürger und im besonderen die Arbeiterschaft, also der vierte Stand, dabei nicht gefragt wurden, verstand sich von selbst und läßt sich heute leicht an der Innenpolitik des Zweiten Reiches ablesen.

So, und nur so und keineswegs aufgrund irgendwelcher spezifisch deutscher Charaktereigenschaften läßt sich das Klima der Uniformgläubigkeit in Deutschland erklären, das Verquerungen und Possen ermöglicht hat, wie neben manchen anderen die Historie des Hauptmanns von Köpenick eine ist. Dieses Klima erhitzte sich unter Wilhelm II., der Gestalt, in der sich der Geist des neuen Reiches am deutlichsten verkörpert und ohne den dieses Reich nicht denkbar ist. Über ihn ist schon so viel schlechtes geschrieben worden, daß man sich fast scheut, noch etwas hinzuzufügen. Er regierte von 1888 - 1918, und nur allzu gern macht man ihn für die Katastrophe verantwortlich, die 1914 über Deutschland, über Europa hereinbrach. Zu sagen, er war völlig unschuldig daran, ist ebenso übertrieben wie die Behauptung, ihn treffe die ganze Schuld. Dafür war sein Einfluß auf das System, trotz seiner Stellung an der Spitze, eben doch nicht groß genug. Das Schlimme war nur, daß sich sein Wesen mit dem des Systems dieses zweiten Reiches um 1900, also in der Zeit des "Hauptmann von Köpenick", durchaus gleichsetzen läßt. Betrachten wir deswegen die Gestalt Wilhelms II. genauer.

Er war kein böser Mensch. Er wollte geliebt sein, angesehen und gefeiert werden. In glänzender Uniform und Umjubelt durch Berlin reiten, hoch zu Roß seine Garde in den Manöversturm führen, auf Festen und Banketten lange und blumige Reden über die Größe und Wehrhaftigkeit des Siegfriedreiches halten, huldvoll strahlen und Toaste wechseln, das war so seine Art. So hätte er es gern weiter getrieben bis an das Ende seiner Tage, ewig protzend, golden, friedlich und im Grunde harmlos. Dabei enthüllte sich sein Charakter als der eines kaiserlichen Schauspielers. Jeden der ihn flüchtig kennenlernte, bezauberte er.

Doch unter dieser Sicht verbarg sich eine andere, im Grunde weit gefährlichere. Jeder, der ihn näher kannte, wußte, wie belastet er war infolge seiner Erbanlagen und einer frühen harten Behandlung durch seine Eltern. Minderwertigkeitsgefühle, die es mit Lärm und Pomp zu überwinden galt, Taktlosigkeit, Sentimentalität, Depression und Größenwahnsinn, solche einander widersprechende Faktoren dürften im Kern seines Wesens enthalten gewesen und die Erklärung sein für so viel Verborgenes und Unklares in seiner Politik. Ihm, dem jungen Mann, den man sorgsam von der Welt entfernt gehalten und dessen Bildung dem Niveau des Potsdamer Offizierskasinos angeglichen war, wurde 1888 die Regierung in Berlin übertragen.

Sicher haben nur wenige Zeitgenossen den verhängnisvollen Weg, den das Reich mit seiner preußisch-deutschen Glorie steuerte, so klar erkannt wie der Fürst Philipp zu Eulenburg-Hertefeld, der ein treuer Freund und langjähriger Berater Wilhelms II. war. Er schrieb im Jahr 1903 eine Art Rechenschaftsbericht und sagt darin:

"Die Armee ist eine Art Schloßwache geworden und muß Posten stehen, da es uns noch immer nicht gelungen ist, geliebt zu werden. Ist aber das Postenstehen Ziel und Zweck einer Armee, die berechtigt ist, von neuem Ruhme zu träumen? Die Armee wird nur mit immer wachsenden Unwillen auf das ohnedies verachtete "Zivil" blicken, welches die großen Werke für die Entwicklung des sozialen und ökonomischen Staates vollbringen soll, den die Armee durch ihre Erfolge begründete. Der preußische Ruhm und die preußische Tradition ruhen auf den Schultern der Armee und eines großartigen Beamtenstandes. Wir diese großen Traditionen nicht verlassen, ohne uns vor dem Ausland zu schwächen; wir können nicht an dem Bestand unserer Armee rütteln. Diese Tradition ist das Unüberwindbare, das Schicksal, wenn wir die moderne Zeit als solche zu erfassen oder gar zu beherrschen suchen. Der große Blutegel Armee und der große Tintenfisch Beamtentum saugen aus dem Volk das Herzblut, seine besten, edelsten Söhne auf. Der Schloßwache und dem Schilderhaus bringen sie ihren Genius zum Opfer dar.

Aber weshalb könnte nicht die Elite in andere Formen einlenken? Sie ist doch genial genug, um die Zeit zu verstehen. Blendet sie der Glanz der Epauletten? Wir glauben es nicht. Aber die stärksten Männer des Staates haben auch nicht die Kraft, des ehernen Reif der Tradition zu durchbrechen, selbst wenn sie sich mit den Rücksichten auf Thron, Vaterland und Ausland abfinden wollten. Denn die Tradition hat sich in Preußen eine Form geschaffen, die, anderen Kulturstaaten völlig unverständlich, zugleich als ein Sinnbild der individuellen preußischen Kraft erscheint. Sie liegt in dem eigentümlichen, nur Preußen eigenen und durch Preußen den deutschen Bundesstaaten oktroyierten Ehrbegriffen in Heer und Beamtenstand.

Diese Kasten, zu denen auch der Adel tritt, teilen die Bevölkerung in "satisfaktionsfähige" und "nicht satisfaktionsfähige" Menschen. Der Ausländer ist gar nicht imstande, diese Klassifikation zu verstehen, und würde, wenn er sie verstanden hat, noch lange nicht die Tragweite derselben ermessen können. Der Ausländer würde niemals begreifen können, daß z.B. gewisse Stände einen genialen Mann den Zutritt zu verweigern genötigt sind, weil er gewissen anderen Ständen zugehört; daß die Heirat eines genialen Mannes mit einer Frau niederen oder auch nur minderen Standes seine Laufbahn zerstört, daß der Eintritt eines jungen Mannes aus "satisfaktionsfähigen" Kreisen in einen Beruf, der "nicht satisfaktionsfähigen" Kreisen in einen Beruf, der, "nicht satisfaktionsfähige" Persönlichkeiten enthält, eine capitis deminuto (einen Verlust der bürgerlichen Rechte) bedeuten würde usw. usw. Der Ausländer würde rufen: China!

Wir aber haben nicht den Mut, den Bann zu brechen, der unsere edelsten, besten Kräfte wie ein Harnisch umschließt. Denn wir würden nicht die Verachtung des Kreises, dem wir angehören, auf uns nehmen. Das höhnische Lächeln des blödesten, aber "satisfaktionsfähigen" Dummkopfes, wenn wir einen Schritt abseits von dem scharf begrenzten satisfaktionsfähigen Wege machten, würde den genialsten, freidenkendsten Preußen abhalten, diesen Schritt zu tun. So unterbindet diese seltsame Klassifikation jede freie Verschmelzung der fruchtbarsten Kreise des Volkes, jede gemeinsame freie Arbeit für den modernen Staat.

So sind wir - und wissen nicht, daß wir so sind! Wer soll es uns sagen? Wir glauben niemand, der das Heiligtum preußischer Tradition als verbraucht darstellen würde, weil wir das stärkste Heer der Erde haben und einen großen Ruhm. Wir sind das disziplinierte, von den Hohenzollernstöcken erzogene Volk, und es fehlt uns das Verständnis für die furchtbare Unselbständigkeit, zu der man uns erzogen hat.

"Ich sah das Unheil" - so hat er später geschrieben - "wie ein riesenhaftes Raubtier heranschleichen und habe unter dem Unverstand der deutschen Staatsmänner, Diplomaten, Militärgewalthaber in allen Stellen, des deutschen Volkes und - seines unglücklichen Kaisers furchtbar gelitten.... Ich trieb mit meiner Gedankenwelt hilflos auf dem Ozean deutschen Unverstandes umher."

Dem dürfte angesichts der Katastrophe, in der das Kaiserreich zerbrach, dem Weltkrieg 1914 - 1918, nichts hinzuzufügen sein. 


5.3. Charakterbild der Hauptpersonen

Auf den ersten Blick bemerkt man an dem Titelhelden, Wilhelm Voigt, gar nichts. Er ist ein großer Unscheinbarer, ein Handwerksgeselle, wie es im Kaiserreich unzählige gab, von denen er sich mit seinem Berliner Dialekt kaum unterscheidet. Zuckmayer nennt ihn eine "schmächtige Gestalt, mager und etwas gebückt, leicht angedeutete O-Beine, hohles Gesicht mit starken Backenknochen, grauer Schnurrbart, fahle Hautfarbe. Er trägt einen alten, aber nicht zerlumpten dunklen Anzug". Sein Äußeres gibt den Zeitgenossen oft Gelegenheit , ihn, mehr oder minder deutlich, als Asozialen zu klassifizieren, so etwa Wormser, wenn er ihn, am Anfang des Stückes aus seinem Laden weist. So tappt er durch die beiden ersten Akte, ein entlassener Strafgefangener, der hilflos im Räderwerk der Behörden gefangen ist. - Doch in ihm steckt mehr, als seine braven Mitbürger glauben. Sicher ist er patriotischer als der "Held" im Stück, der Hauptmann von Schlettow. Nur sollte man bei ihm das hohle Wort "Patriotismus" besser vermeiden und statt dessen von seiner ganz selbstverständlichen Liebe zu seiner schönen deutschen Heimat reden. In seinem Mund hört sich das auf die Frage eines Oberwachtmeisters, warum er nach Deutschland zurückgekehrt sei, so an: "Und da hat nun schließlich der Mensch seine Muttersprache, und wenn er nischt hat, dann hat er die immer noch. Det glaubense jarnich, wie scheen Deutschland is, det war dumm von mir." Diese Heimatliebe treibt ihn schließlich zur Verzweiflung, nachdem er klar erkannt hat, in welcher Zwickmühle er steckt: "Nee, nee, det is nu n Karusell, det is nu ne Kaffeemihle. Wenn ick nich jemeldet bin, kreig ick keene Arbeet, und wenn ick keene Arbeet habe, da darf ick mir nich melden. Denn will ick wieder raus. Denn jebense mir n Paß mit n Grenzvisum, det ick rieber kann" und dann: "Da mecht ick Ihnen n Vorschlag machen, -da mecht ich Ihnen vorschlagen, det se mir gleich expreß wieder in de Plötze zurick trasportieren lassen!" Und das alles ist nur die Folge einer leichtsinnigen Jugendtorheit. Es ist kein Wunder und nur ganz natürlich, daß ihn diese Lage zu Kurzschlußreaktionen verleitet, das erstmals, als er seinen Paß fälscht, worauf er erwischt und wieder eingesperrt wird, und das zweitemal, als er mit Kalle in das Potsdamer Polizeirevier einbricht, worauf er zum drittenmal für Jahre hinter Gefängnismauern verschwindet.

Als es rauskommt, ist er endgültig von der Versuchung zu unüberlegten Handlungen befreit. Aber nun wagt er sich an eine wohldurchdachte Unternehmung, an seinen Streich mit der Hauptmannsuniform, zu dem er alles, was er an inneren Kräften, an Fähigkeiten besitzt, zusammenraffen muß, hinter dem seine ganze Persönlichkeit steht. Seine Schlagfertigkeit ist dem Betrachter schon im ersten Akt aufgefallen, etwa bei Stellen, wie der, als der Kellner des Café National ihn und Kalle anfährt: "Wennse hier rumsitzen, missense auch was verzehren." und Voigt antwortet: "Sie Schlauer. Jrade janz jenau deswegen sitzen wa neemlich hier rum." Seine Aufnahme- und Merkfähigkeit zeigt und bewährt sich in der Strafanstalt Sonnenburg, in der er sich daß preußische Militärwesen so zu eigen macht, daß er vom Direktor mit höchstem Lob bedacht wird. Für die Verbindung, die seine Schlagfertigkeit mit seiner schlichten Schlauheit und Hellhörigkeit eingeht, haben wir im Deutschen das schöne Wort Mutterwitz, mit dem wir Voigts hervorstechendste Charaktereigenschaft umreißen, ohne jedoch das letzte über ihn gesagt zu haben. Seine tiefste Seite zeigt sich in dem großen Gespräch mit seinem Schwager und bereits vorher mit der Szene am Krankenbett des schwindsüchtigen Mädchens. Hier offenbart sich, daß sein Wissen mehr als Schlauheit, nämlich tiefes Verständnis ist, das wir ihm auf den ersten und auch auf den zweiten Blick gar nicht zugestehen wollen. Der Kranken gegenüber ist sein Verständnis gutmütiges Mitleid, das nicht ohne Zärtlichkeit ist. In Hoprechts Wohnstube entlädt sich sein Verständnis in Bitterkeit und Ironie. Hoprecht sagt zu ihm: "Tuchfühlung mußte halten! Dann biste n Mensch, - und dann haste ne menschliche Ordnung!" Voigt will die Ordnung als solche auch nicht angreifen, aber diese Ordnung! "Wennse man nur keen Loch hat! Wenn se man nur nicht so stramm sitzt, daß die Nähte platzen! Wenn da man nur nichts passiert, Mensch!" Schließlich, als ihn Hoprecht an die "innere Stimme" an sein "Pflichtjefühl" erinnert, völlig unpassend übrigens, da zeigt sich, daß Voigts Verständnis sogar den Bereich des Metaphysischen erreichen kann. Solch hohe Worte freilich, wie wir sie hier benutzen, sind im Munde Wilhelm Voigts undenkbar. Er formuliert seine Erkenntnisse so, wie er alles sagt, im Berliner Dialekt eines Handwerksgesellen, zeigend, daß er sein Wissen nicht angelernt, sondern im Kampf um sein bißchen Heimat, das er zum Leben braucht, erobert und ertrotzt hat.

Alle anderen Personen des Dramas gruppieren sich kunstvoll um die Hauptperson. Kalle läßt erkennen, daß Wilhelm Voigt kein Asozialer ist. Er nämlich ist wirklich ein Verbrechertyp, mit allen Wassern gewaschen. Ihn interessiert an dem Einbruch im Potsdamer Polizeirevier einzig die Frage, ob man auch eine Kasse mitgehen lassen kann, und auf die Bemerkung Voigts: "Du bist ne Nummer, Kalle." antwortet er: "Jewiß doch, sogar ne hohe Nummer, ab ne janz unjrade! Mensch, det mußte ooch sind heitzutage, sonst verreckste im Stehen und vahungerst vorm Telikadessenjeschäft."

Das Gegenteil der zerlumpt-sympathischen Gestalt Voigts ist der gestriegelt-schnodrige von Schlettow. Für Schlettow erschöpft sich das Mensch-Sein wie für so viele seiner Zeitgenossen in einem einzigen Gebiet, dem militärischen. Aber gerade hier ist am wenigsten Leben und am meisten Apparat zu spüren, und so kommt es, daß Schlettow mehr Typ, Funktionär vielleicht, als Persönlichkeit ist. Er wird nicht wie Voigt von innen gehalten, sondern von außen "Na ja," sagt er, "in Uniform, da geht's ja, da macht man Figur, das gibt n kolossalen Halt, da is man n ganz anderer Kerl." Hinzu kommt eine primitive Hurra-Philosophie, die er in Wormsers Geschäft entwickelt, als es um die "Gesäßknöppe" und den Stechschritt geht, und die Wormser zusammenfaßt in die Worte: "Was sag ich immer? Der alte Fritz, der kategorische Imperativ, und unser Exerzierreglement, das macht uns keiner nach! Das und die Klassiker, damit hammers geschafft in der Welt!" Alles in allem ist Schlettow ein arroganter Kerl, der, wenn es darauf ankommt, sich durch Selbstzucht zu bewähren, wie bei dem Seitensprung im Café National, kläglich versagt. Auf Wabschkes Zureden: "Wenn eener n richtiger Mensch is, det ist doch die Hauptsache, nich?" weiß er nur zu sagen: "Vielleicht - vielleicht hat er recht - Nee, pfui!"

Friedrich Hoprecht und seine Frau, Marie Hoprecht, Voigts Schwester, sind zwei brave Bürgersleute. Auch für Friedrich bildet das Militärische einen Hauptinhalt seines Daseins, aber keineswegs den einzigen. Dafür hat er zuviel menschliche Substanz. Mit Voigt findet er genau den richtigen menschlich-kameradschaftlichen Ton. Hinzu kommt seine unbedingte Treue, die er als Beamter dem Staat schuldet. Er steigert sie bis zur Gesinnungstreue: "Und was dir zusteht, das kriegste, dafür sind wir in Preußen." Aber hier liegen auch seine Grenzen, die es ihm nicht erlauben, zu den inneren Dimensionen seines Gesprächspartners vorzustoßen. So bleibt ihm der Zug des gutmütigen Biedermannes, den Voigt meint, wenn er ihn fassungslos stehen läßt und sagt: "Is gut, Friedrich. Du bist n echter Kerl." Seine Frau hat viel mit ihm gemeinsam. Allerdings fällt es ihr etwas schwerer als ihrem Mann, ihrem Bruder mit warmen Vertrauen zu begegnen. Dafür sind zu viele bürgerliche Ressentiments in ihr wach. Hoprecht sagt dazu: "So is se nu. Ne Seele von Mensch, nur n bißken umständlich."

In Bürgermeister Obermüller und seiner Frau zeigt sich das Bürgertum des Wilhelminischen Zeit von einer ganz anderen Seite. Zuckmayer sagt über Obermüller: "Er ist etwa 30 Jahre alt, gut gewachsen mit sichtbarer Anlage zur Korpulenz. Zwicker und blondes Schnurrbärtchen geben seinem Gesicht einen etwas besorgten Ausdruck, der auch seine Sprache und seinen Tonfall färbt. Trotzdem hat alles, was er sagt, den ernsten Klang einer wohlfundierten idealistischen Überzeugung." Damit hat der Dichter den Typ des eingebildeten und farblosen Intellektuellen, der Obermüller ist, umrissen. Selbstverständlich spielt auch bei ihm das Militärwesen eine sehr große Rolle. Aber wichtiger ist ihm doch sein wäßriger Idealismus, den er vor Wormser in den langen Predigten eines zweitrangigen Bundestagsredners von sich gibt. In der entscheidenden Situation freilich, nämlich als Voigt in der Hauptmannsuniform vor ihm steht, versagt er. Aber dies liegt weniger an ihm persönlich, sondern an dem System, in dem er lebt und das Menschen seiner Art geschaffen haben. Damit ist das verschraubt militärische, verbeamtete und idealistisch aufgezäumte Wesen des Kaiserreiches auch sein Wesen. Das meint Voigt, wenn er in der letzten Szene des Dramas auf die Bemerkung des Direktors: "Das muß ein schöner Trottel sein, der Herr Bürgermeister Obermüller!" sagt: "Sagense det nich, Herr Direktor! Der Mann ist gar nicht so uneben. Det wär Ihnen so ergangen - det liecht in der Natur der Sache."

In Wormser, seinem Sohn Willy und dem Trödler Krakauer stellt uns Zuckmayer in seiner humorvollen Weise eine Auslese aus der Geschäftswelt der preußischen Hauptstadt vor dem Weltkrieg vor. Wormser ist aalglatt und versteht es, sich immer den Wünschen und Launen seiner Kundschaft anzupassen. Er teilt die allgemeine Meinung seiner Mitmenschen, ganz besonders im Hinblick auf das Militärwesen, - versteht sich ja auch von selbst, gehört es doch zum Geschäft. Willy teilt mit vielen Söhnen seiner Zeit den heimlichen Aufstand gegen den Vater, was sich freilich nur in seinem in-den-Ecken-Herumdrücken und seinem "impertinenten Grinsen" verschämt zeigt. Daß Wormser Jude ist, unterscheidet ihn nicht nennenswert von den übrigen Geschäftsleuten. Deutlicher hebt er sich schon der Jude Krakauer mit seiner übereifrig beredsamen, aber deswegen hier noch lange nicht unsympathischen Geschäftstüchtigkeit aus der Geschäftswelt hervor. Er hat wesentlich mehr menschliche Substanz als etwa Wormser. 


7. Stellungnahmen

7.1. Kritik von Joseph Goebbels

Joseph Goebbels, der spätere Propagandaminister, hat sich in der Zeitschrift "Der Angriff" am 12. März 1931 zur Uraufführung des "Hauptmann von Köpenick" folgendermaßen geäußert:

"Der Hauptmann von Köpenick ist mit seiner damals die ganze Welt in Gelächter versetzenden Affäre tot. Herr Zuckmayer, einer von jenen Asphaltschreibern, die fälschlich in dieser Demokratie als Dichter ausgegeben werden, hat sich der Mühe unterzogen, ihn aus dem Staub der Vergessenheit wieder hervorzuholen [...].

Man braucht wohl nicht zu betonen, daß besagter Herr Zuckmayer sich die Gelegenheit entgehen läßt, das alte preußische Regime, den verruchten Absolutismus, den Kadavergehorsam des ostelbigen Staates und den blutbefleckten Militarismus mit Kübeln von Spott und Hohn zu übergießen." 


7.2. Kritik von Alfred Kerr

Alfred Kerr (1867 - 1948) war einer der bekanntesten Theaterkritiker im Deutschland der 20er Jahre. Aus seiner Besprechung des Stückes im Berliner Tageblatt vom 02. Juni 1931 ist folgendes besonders bemerkenswert:

"[...] Im ersten Teil stirbt man vor Lachen. Im zweiten merkt mancher, daß er noch lebt. [...]"

Wir finden, daß diese Kritik, dieser Satz das Theaterstück am besten beschreibt! 


7.3. Kritik von Ludwig Marcuse

Eine Stimme zur Uraufführung des "Hauptmann von Köpenick" ist die von Ludwig Marcuse:

"Zuckmayer nennt sein neustes Stück »Der Hauptmann von Köpenick« [...] ein »deutsches Märchen«. Dieses Märchen ist das wilhelminische Deutschland. Zuckmayers wirksamstes (nicht sein dichterischstes) Stück. Er wird wohl in diesem Jahr alle deutschen Bühnen beherrschen. [...]"

In dieser Kritik wird der Grund, warum das Buch den Beititel "Ein deutsches Märchen" hat, deutlich. 


7.4. Eigene Stellungnahmen

7.4.1. Kritik von Autor 1

Die Geschichte vom "Hauptmann von Köpenick" von Carl Zuckmayer ist in meinen Augen eine interessant gestaltete, humorvoll, aber auch tragische Dokumentation eines wahren Vorfalls.

Aufgefallen ist mir, daß der Kontrast zwischen dem Staat auf der einen, und dem Menschen auf der anderen Seite deutlich und drastisch veranschaulicht wird.

Der Hauptmann von Köpenick schafft es, mit der interessanten Erzählstruktur, selbst die hartgesottensten antibibliophilen Menschen an das Buch zu binden. Warum ist das aber so? Man kann dies nur mit der Kunst des Schreibens des Autors beantworten, die durch die Sprache des Berliners nur noch mehr an Spannung, Witzigkeit und Tragik gewinnt. Fazit: Ein Buch, das sich lohnt zu lesen! 


7.4.2. Kritik von Autor 2

Das Film "Der Hauptmann von Köpenick" von Carl Zuckmayer hat mir sehr gut gefallen, da es sehr gut beschreibt, welche Rolle das Militär im Kaiserreich spielte. Auch zeigt es sehr deutlich, welche Macht das Militär zur damaligen Zeit hatte. Innerhalb der Gesellschaft wird größter Wert auf Zucht und Ordnung gelegt. Da Wilhelm Voigt, als ehemaliger Knastbruder und heimatloser Arbeitslose, den Anforderungen der Gesellschaft nicht entspricht, wird er zum Außenseiter. Erst durch die Hauptmannsuniform wird er akzeptiert und erhält Aufmerksamkeit. Hieran macht der Autor deutlich, welchen Stellenwert das Militär hat. Ob dies der Wirklichkeit entspricht, kann ich mir nur bedingt vorstellen. Dies liegt wahrscheinlich an unserer heutigen Lebensart. So kann ich nur den Mut von Carl Zuckmayer bewundern, ein militärkritisches Buch 1931 zu veröffentlichen. Weiter kann ich jedem nur raten, sich die Verfilmung mit Heinz Rühmann in der Hauptrolle des Hauptmann von Köpenicks anzuschauen. 


8. Sonstiges

Unter "Köpenickiade" ist folgendes in der Enzyklopädie zu finden:

Als Köpenickiade bezeichnet man eine Form der Hochstapelei, bei der durch Amtsanmaßung [...] Gehorsam erzwungen wird. Der Ausdruck geht auf ein Ereignis im Berliner Verwaltungsbezirk Köpenick zurück. [...]. 


9. Quellen

Carl Zuckmayer: Der Hauptmann von Köpenick, Frankfurt / M., © Bermann-Fischer- Verlag, 1939

Hartmut Scheible: Erläuterungen und Dokumente zu "Der Hauptmann von Köpenick", Stuttgart, © Philipp Reclam jun. Verlag, 1977

Klaus Bahners: Königs Erläuterungen und Materialien, Hollfeld, © C. Bange Verlag, 1988, 13. Auflage

Meyer: Enzyklopädie 2000, Stuttgart, Zürich, © Wissen Verlag, 1969, Bänder 12, 7

Discovery online Lexikon, © Bertelsmann Verlag 1995, 1996

Kindler - Neues Literaturlexikon, München, © Kindler Verlag, 1992

Knaurs Schauspielführer, München/Zürich, © Süddeutsche Verlagsanstalt, 1957 


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